Tag: Ideen

Lagerfeuer heute

18. August 2010 von kerstin

Letztes Wochenende waren wir in Weimar und haben in kurzer Zeit viele nette Leute getroffen. Manuel Odendahl von Ruin&Wesen, Susanne Junker, Initiatorin von stageBack, den Soundspezialisten Martin Hirsch, den Fotografen und Künstler Thomas Rusch sowie den Künstler und Kurator Konstantin Bayer, der vor vier Jahren die Galerie Eigenheim ins Leben gerufen hat.

Trotz knapper Zeit zeichneten wir zwei Inspiration Lounge Interviews auf. Und an gleich zwei Abenden saßen wir zusammen, haben uns ausgetauscht und dabei interessante Stunden verbracht. »Es ist wirklich spannend, wenn man so zusammentrifft«, stellte ich fest. Susanne antwortete:»Ja, stimmt. Es setzt aber auch voraus, dass jeder bereit ist, dafür etwas zu tun.« In ihrem Fall hieß das, aus Shanghai anreisend, ihre Europareise um einen stop-over in Weimar zu erweitern und jede Menge Neuigkeiten im Gepäck zu haben.

Mir wurde wieder einmal sehr bewusst, wie wichtig ein nettes, offenes Umfeld und regelmäßiger Austausch sind. »Kommuniktion ist eine der grundlegendsten Sachen, die wir haben«, äußerte dann auch Thomas Rusch und rannte natürlich offene Türen bei uns ein. Schließlich sind wir bereits seit neun Jahren le tapir, Gesellschaft für Kultur und Kommunikation.

Unser Tipp: Trefft Euch mit Freunden, Nachbarn und Bekannten, holt neue Leute mit dazu, initiiert, tauscht Wissen und Erfahrung – habt eine gute Zeit. Wir alle haben viel zu tun, wir alle haben jede Menge Arbeit und Projekte zu erledigen, wir alle sind auch mal erschöpft. Gerade darum ist Balance, sind Gemeinschaft und Austausch so wichtig – sie halten lebendig und den Kopf frisch.

Neue Ideen, neue Themen, vieles Hilfreiches kennen lernen, eigene Blickwinkel beitragen – was wären wir ohne Gesellschaft? Und wie weit kämen wir, wenn wir das vergäßen? Wir, die Nachfahren der Lagerfeuer- und Höhlenmenschen.

Längst vorbei die Zeiten, in denen man glaubte, Informationen, Technik und Markt allein seien die Lösung, jeder für sich käme glänzend zurecht. Wir stehen vor gewaltigen Fragen und Aufgaben. Direkter, persönlicher Austausch, Wissen und Erfahrung teilen, mehr Miteinander und Zusammenarbeit, jeder an seinem besonderen Platz – das ist längst noch nicht die Lösung, doch ein ungemein wichtiger Schritt in die Richtung, neue Ideen zu finden und ihnen auch Realisierungen folgen zu lassen. Es geht um weit mehr als einen Job, um mehr als ein Projekt. Es geht uns alle an.

Daher ein Hoch auf die heutigen Lagerfeuer und alle, die sich dort mit uns treffen.

Nebenan

06. Juli 2010 von kerstin

Letzte Woche waren wir in Biel, um David Jeanmonod für unser Projekt Inspiration Lounge zu interviewen. David arbeitet sehr viel. Sein Laden »Camden Town«, mitten in der Innenstadt und unweit des Bieler Sees gelegen, ist immer gut besucht.

Trotzdem nimmt sich David jede Woche an einem Vormittag etwas Zeit, um in der Nachbarschaft seines Ladens bei anderen Unternehmern, Laden- oder Bistrobetreibern vorbeizuschauen. Er macht das ohne großartige Voranmeldung, ohne Termin – einfach, um die anderen zu sehen, mit ihnen zu reden, um zu hören, wie es geht und sich über alltägliche Dinge zu unterhalten.

Er hat mir erzählt, bei all der vielen Arbeit für seine Kunden, sei es doch ganz wichtig, auch mit der Nachbarschaft im Austausch zu sein. »Mehr Miteinander macht einfach mehr Laune. Du bist in Kontakt mit den alltäglichen und den besonderen Themen des Business und des Lebens, kommst auf neue Ideen. Und wenn Du an irgendeinem Tag mal nicht gut drauf bist, kommt ein Nachbar bei dir vorbei und bringt dich auf bessere Gedanken.«

Warum schreibe ich hier darüber? Wart Ihr schon einmal bei einer Business-Visitenkartenparty, wo Menschen hingehen, um Kontakte zu machen? Ich war dort und weiß daher, dass die Atmosphäre bei solchen Veranstaltungen total anders ist als die bei Davids Runde in der Nachbarschaft. Was macht den Unterschied? Davids Nachbarschaft eint das Interesse nicht nur am Business und an Kontakten, sondern an den Menschen, an ihren persönlichen Themen und Standpunkten. Und noch ein gravierender Unterschied: Business-Visitenkartenparties sind oft nicht so persönlich wie angekündigt, meist oberflächlich, höflich und harmlos bei gebremster Stimmung. Wem es nicht passt, der geht einfach.

Nachbarn dagegen bleiben. Man begegnet ihnen häufiger und unmittelbar. Die räumliche Nähe führt zu Themen, die man teilt. Trotzdem sind viele von uns dermaßen mit der eigenen Arbeit beschäftigt, dass sie das tägliche Umfeld leicht aus den Augen verlieren. Umso mehr gilt: »Trau dich. Lerne deine Nachbarn kennen und bring’ ihnen Interesse entgegen.« Der regelmäßige Austausch mit dem direkten Umfeld hält »frisch« und erschließt durchaus Möglichkeiten der Zusammenarbeit – gerade im Bereich Kontakte und Kommunikation nach außen.

Last but not least: der Austausch mit der täglichen Umgebung schärft den Blick für die eigene Position und die eigenen Stärken, die sich gerade in Relation zu den Positionen und Stärken der jeweils anderen besonders gut abzeichnen. Und wer sich dann noch nicht ganz sicher ist: Statt vor sich hin zu brüten, einfach mal direkt die Menschen »nebenan« fragen. Es ist erstaunlich, wie oft sie weiterhelfen können.

Original

27. Juni 2010 von kerstin

Ein wichtiges Element unserer Beratung ist es, Kunden zu bestärken, neben den Informationen über ihr Produkt oder ihre Leistung, mehr über ihre Blickwinkel, ihre Haltung und Erfahrungen mitzuteilen. Nicht selten fällt im ersten Gespräch über mögliche Themen der Satz: »Ich fürchte, ich bin da nicht originell genug.«

Ich weiß nicht, wie hoch die Messlatte allgemein gelegt wird, damit »man« originell ist. Natürlich kenne ich die Aussage, es werde immer schwieriger, originell zu sein, weil ja inzwischen alles schon mal da war. Ich weiß allerdings genau, dass originell unmittelbar mit dem Wortstamm original verknüpft ist – und original ist jeder von uns.

Das ist der Grund, warum wir unsere Kunden ermutigen, nicht auf die sogenannten Trends zu setzen, denen »man« gerne folgt. Denn aus unserer Sicht und erwiesenermaßen gilt nach wie vor der einst schon gute Tipp von Public Enemy: »Don’t believe the Hype.«

Trends sind morgen weg und selten originell. Wie auch, wenn spätestens nach ein paar Wochen alle gleich aussehen und das Gleiche machen.

Ich habe in den Jahren unserer Tätigkeit sehr oft erlebt, dass Personen vermeintlich kein Thema hatten, das interessant oder gar originell genug gewesen wäre. Genauso oft habe ich erlebt, dass dieselben Menschen entdeckten, genau dort Besonderes zu sagen zu haben, wo sie sie selbst sind. Wo sie über die Dinge sprechen, die sie dauerhaft beschäftigen und faszinieren. Dazwischen lag eine Änderung der Blickwinkel, die den Druck des Hypes genommen haben.

Es ist für uns jedes Mal großartig, wenn sich ein Kunde, der zunächst zögerlich über seine Themen nachgedacht hat, Schritt für Schritt immer mehr begeistert, Möglichkeiten zu sehen, die seiner Kommunikation tatsächlich Einzigartiges geben.

Ich verweise hier deshalb gerne auf ein Graffito, das mir vor fast zwanzig Jahren in’s Auge fiel:

You’re born an original. Don’t act like a clone.

Eine Idee ist eine Idee ist eine Idee

21. Juni 2010 von kerstin

Vorab eine Verbeugung an Gertrude Stein, deren Zitat ich hier abgewandelt verwende, weil kein anderer so gut auf den Punkt gebracht hat, was nicht nur für Rosen, sondern auch für Ideen gilt.

Man kann es drehen und wenden, sie kann begeistern oder verstören – eine Idee ist eine Idee und bleibt es auch, solange sich nicht jemand daran macht, sie in die Tat umzusetzen.

Es erstaunt mich daher, dass unsere Politiker immer wieder davon sprechen, dass Deutschland das »Land der Ideen« sei.

Natürlich ist es ein guter Anfang, wenn man Ideen hat. Ideen sind mit der Aura des besonderen Einfallsreichtums umgeben. Jeder hat sie gerne. Das ist wohl auch der Grund, warum es so unglaublich viele davon gibt und es täglich mehr werden.

Wenn also eine positive kulturelle Gegebenheit kommuniziert werden soll, wäre es dann nicht besser, wir wären auch das Land der realisierten Ideen, zumindest der realisierten, guten Ideen? Klar, der Satz klingt nicht so kurz und knackig wie der andere. Aber er steht doch mehr für das, worauf es eigentlich ankommt.

Andererseits, vielleicht wollen diejenigen, die diesen Satz immer wieder bemühen, signalisieren, dass Ideen schon genug sind. Vielleicht bemühen sie ihn auch, weil sie selbst davon überzeugt sind. Oder sie wiederholen eine Floskel, weil sie gängig ist und dem verbreiteten Gedanken »Kreativität = Ideen« entspricht.

Hoffen wir zu ihren Gunsten, sie haben einen besseren Grund.

Frischluft

16. Juni 2010 von kerstin

Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts: Michael Schirner, Werbefachmann und Texter, arbeitet an einem Auftrag für IBM. Das Unternehmen, das damals seinen Schwerpunkt im Bereich Büro- und Schreibmaschinen hatte, braucht eine neue Kampagne.

Michael Schirner recherchiert, setzt sich thematisch eingehend mit IBM auseinander, beginnt, Bild/Text-Kombinationen zu entwickeln und entdeckt auf einmal: In dem Wort SchreIBMaschine steckt tatsächlich der Firmenname. Die Idee der Kampagne ist damit klar. Wie sollte man besser die Verbindung zwischen Marke und Produkt vermitteln, wenn jeder schon allein mit dem Wort SchreIBMaschine die Marke immer vor Augen hat.

Stellt man sich den kompletten Entstehungsprozess der Kampagne vor, kann man ganz gut nachvollziehen, wie mitten in dem begonnenen, konzentrierten Arbeitsfluss, mitten in der Entwicklung von Ideen, die Entdeckung eintritt. Alles begann damit, dass einer sich an sein kreatives Schaffen macht. Schritt für Schritt mit einem Ziel, zu dem er schließlich auf einem Weg gelangt, der nicht zu planen war.

Nun zum Gegenteil, dem Biegen und Brechen.

In letzter Zeit sehe ich verstärkt Versuche, Michael Schirners Entdeckung auf anderen Wegen herzustellen. Auf Plakaten finden sich aktuelle Beispiele wie »VoRWEg gehen« oder »Ich reservieHRS« (ja, genau so).

Warum sage ich Biegen und Brechen? Weil man einfach merkt, dass der Arbeitsprozess des Texters ein ganz anderer war. Es gibt gar keine Verbindung zwischen Produkt und Marke im Wort selbst, wie bei SchreIBMaschine. Es wurden sichtbar Wörter ausgesucht, falsch geschrieben oder mühsam in Verbindung gebracht, um denselben Effekt zu erzielen – was nicht funktioniert. Jeder spürt die verkrampfte Bemühung um die richtigen Worte, um eine Verbindung, die erst »hergetextet« werden musste. Das ist kein kreativer Fluss, das sind schlechte Lookalikes, die ein schales Gefühl hinterlassen.

Kreativer Flow und Offenheit, die Ideen und Entdeckungen eintreten lassen, auch wenn sie links und rechts des Weges kommen, sind durch Biegen und Brechen nicht zu ersetzen. Wer merkt, dass er anfängt, sich Dinge angestrengt auszudenken, sich das Hirn zu martern, um gute Einfälle herauszuholen, macht besser mal Pause und sorgt für frische Luft. Ich gehe in solchen Momenten gerne mal kurz mit dem Hund raus.