Spurwechsel

12. Juli 2010 von kerstin

Es gab Zeiten, da amüsierten wir uns morgens in der Schule über eine Fernsehsendung, die am Abend zuvor gelaufen war. So gut wie jeder konnte mitreden, was nicht zwingend an der Qualität des Programms lag, sondern einfach daran, dass es nur wenige Fernsehprogramme gab. Der Fernseher versammelte Massen zur selben Zeit vor gleichen Sendeformaten. Diese wurden und werden bis heute meist auf genau diesen Aspekt zugeschnitten.

Zeiten ändern sich. Computer und Internet haben den Stellenwert von Fernsehen deutlich beschnitten. Es gibt nicht mehr nur wenige Programme mit vorbestimmtem Sendeablauf. Was ich will, wo ich will, wann ich will, ist zur Devise geworden. Eine vorhandene Vielfalt hat längst auch die Nachfrage verändert. Möglichkeiten, Vorhandenes nach den eigenen Interessen zu filtern, sind gerade im Internet zahlreich und haben dazu geführt, dass sich Angebote immer weiter aufsplittern. Suchdienste helfen, noch die kleinste Nische aufzustöbern. Für die eigenen Angebote Interessenten zu finden, ist ebenfalls deutlich einfacher geworden. Daraus folgt: wenn es heute leichter ist, diese Menschen zu finden, wäre es nicht naheliegend, dass man sich aufmacht, um sie tatsächlich zu suchen und anzusprechen?

Interessant ist, dass viele Unternehmen heute immer noch denken, der beste Weg der Kommunikation liege darin, einfach möglichst viele Menschen zu erreichen. Sie konzipieren ihre »Kommunikationsformate«, damit sie, ähnlich wie viele Fernsehsendungen, Informationen an hoffentlich zahlreiche Massen ausgeben. Nun, das mag funktionieren, wenn man der Hoffnung ist, mit viel Aufwand schon irgendwie die Richtigen zu finden. Oder man hat bereits eine große Marke, verfügt über ein Marketingbudget auf »Fernsehniveau« und muss breite Präsenz zeigen, um im Kampf der Titanen auch morgen zu bestehen.

Für die meisten andere Unternehmen sind diese Größen nicht zu realisieren. Und trotzdem schauen viele, zumindest unbewusst, in die Richtung der »Riesen« und orientieren auch ihre eigene Kommunikation daran. D.h., sie versuchen, in all ihren Äußerungen, möglichst allen zu gefallen, sie bedienen sich einer Sprache, die Ecken- und Kantenlosigkeit ausstrahlt, sie wählen eine Optik, die gerade »in« ist. Weil sie nicht über die großen Marketing- und Kommunikationsetats verfügen, fühlen sie sich eingeschränkt. So machen sie am Ende lieber nichts Besonders, statt an besonderen Ideen zu arbeiten, die mit ihren Budgets möglich sind.

Dabei wäre der schlauere Schritt genau der, nicht den Weg zu gehen, den die Großen und alle Nacheiferer einschlagen. Gerade weil die Chancen heute besser als zuvor stehen, mit den eigenen Mitteln und Stärken selbstbewusst genau die eigenen Kunden und Fans zu finden.

»Sie wollen mir Mut machen, mehr auf meinem persönlichen Weg zu kommunizieren«, sagte mit kürzlich ein Kunde. Ja, es hat vielleicht auch mit Mut zu tun, aus dem breiten und vermeintlich sicheren Weg der allgemein bekannten, gefälligen (und oft genug langweiligen) Kommunikation auszuscheren, um Menschen auf dem persönlichen Weg anzusprechen.

Aus unserer Sicht ist es vor allem eine Frage von Perspektive und logischem Denken. Denn genauer betrachtet: Angenommen, wir würden Dir die Aufgabe stellen, binnen eines eingegrenzten Zeitraumes hinaus zu gehen, um Freunde zu finden, die Dir als solche möglichst lange erhalten bleiben. Menschen, mit denen Du gerne zu tun hast, von denen Du denkst, sie verstehen Dich und Du sie, Leute, die Dich schätzen. Würdest Du auf die Straße rennen und einfach jeden fragen, den Du siehst? Würdest Du nicht lieber genauer hinschauen, überlegen was Dir wichtig ist, was Ihr teilen solltet und darüber nachdenken, wo Du solche Menschen besser treffen könntest und wie Du sie ansprichst?

Wenn Du gerade »ja« gedacht hast, warum solltest Du Deine Vorgehensweise ändern, sobald es sich um Kunden handelt, die Du suchst? Du bist kein Fernsehen und kein Konzern – sei schlau und verlasse die MassMedia-Spur.